• 24. Dezember 2016

Zwei mal Nürnberg – Die Beschwörung der Digitalisierung

Zwei mal Nürnberg – Die Beschwörung der Digitalisierung

Zwei mal Nürnberg – Die Beschwörung der Digitalisierung 1024 599 Steuerköpfe

Wie stellt sich die Datev auf die Zukunft ein? Und wie stellt sich der Kanzleiverbund HSP auf die Zukunft ein? Beide Organisationen widmeten der Digitalisierung im November einen Kongress. Außerdem: eine neue Datev-App, Personal-Rochade und ein Update zum Lohnkräfte-Angebot der Datev.

Gut 1200 Gäste konnte die Datev auf ihrem Kongress in Nürnberg begrüßen. Im Foyer konnten die Teilnehmer sich näher zu den Produkten informieren, auf der Bühne war die Digitalisierung das große Thema.

Der Fahrplan Datev 2025 sieht nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Robert Mayr vor, die Datev-Anwendungen größtenteils als online-Anwendungen anzubieten – on-premise-Lösungen sollen aber erhalten bleiben. Mayr sprach von einer eigenen cloud für größere Kanzleien, von Apps als integrierbare Lösungen. Konkret vorgezeigt wurde eine mobile App zum Belegversand (siehe unten).

Dann ging es wieder um das große Bild: Die Digitalisierung rechnet sich für die Unternehmen und ist in der Buchführung unvermeidlich, sagte Mayr. Der Berufsstand sei aufgerufen, wenigsten Begleiter – besser noch Wegweiser – auf dem Weg in die Digitalisierung zu sein. „Die Steuerberater stehen vor einem goldenen Zeitalter, wenn sie die Herausforderungen der Digitalisierung annehmen“, sagte Mayr.

Wie diese Zukunft aussehen könnte, sollte ein kurzer Film (leider nicht online, Update: Doch, seit 18. Januar 2017 auf youtube) zeigen: Eine Beraterin telefoniert mit einem Bauunternehmer. Während die beiden kurz Liquidität und Abschreibungsdauer besprechen, erscheinen – swish und swush – Diagramme und Zahlen in der Luft. Schnell sind die beiden sich einig, dass der Zeitpunkt für eine Neuanschaffung von Maschinen ideal sei. Die Beraterin sagt zu, die Angebote für die Maschinen zu prüfen.

Anekdote am Rande: Bei einer Vorführung des Films vor Wirtschaftsprüfern, so Mayr, wurde unvermittelt gelacht. Der papierfreie Schreibtisch der Beraterin erschien dem Publikum dann doch zu wirklichkeitsfern.

Papier hin oder her: „Datenanalyse ist die Chance für die Steuerberater“, sagte Mayr. Es gehe um Geschäftsförderung, nicht um Steuervermeidung. „Wer nur deklariert – verliert.“

Auf’s falsche Pferd gesetzt

Eine Frage aus dem Publikum führte zurück auf den Boden der Realität: Wann sind Datev-Anwendungen auch auf dem Mac zu nutzen? In etwa zwei Jahren sollen die Anwendungen browserunabhängig funktionieren, kündigte Vertriebs-Vorstand Eckhard Schwarzer an. Dann könnten zumindest die online-Anwendungen von jeder Art PC aus genutzt werden.

Die Datev hatte nach Schwarzers Angaben darauf vertraut, dass Microsoft Silverlight (eine Erweiterung, die Apps browserübergreifend anwendbar macht) langfristig unterstützt und fortentwickelt. Zwischenzeitlich hat Microsoft allerdings die Silverlight-Unterstützung für Oktober 2021 aufgekündigt. „Dadurch haben wir gut eineinhalb Jahre verloren“, sagte Schwarzer.

Schwarzer ermunterte die Zuhörer, sich mit Anregungen und Feedback einzubringen und erinnerte an die Website dazu: datev.de/mitmachen

Zwei neue Positionen

Den Herausforderungen will die Datev auch mit zwei personellen Neupositionierungen begegnen:

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Vertraute Recken auf neuen Posten: Christian Bär (li.) und Lars Meyer-Pries

„Die Daten zum Fliegen bringen“, so beschreibt Dr. Lars Meyer-Pries seine Aufgabe als frisch bestelltes Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter strategische Entwicklungen Gesetzgebung Markt Berufsstand. Seine Aufgabe ist weniger technisch, als vielmehr vermittelnd. Es geht ihm darum, zwischen den Stakeholdern – Berufsträger, Banken, Sozialversicherungsträgern, Finanzverwaltung usw. – ein Ökosystem aufzubauen, das Kollaboration, Digitalisierung und Automation ermöglicht. Stichwort: ELBA, E-Bilanz …

Um die technische Seite kümmert sich künftig Prof. Dr. Christian Bär (Xing), der aus dem Vertrieb auf den neu geschaffenen und mit weitreichenden Befugnissen ausgestatteten Posten des CDO – Chief Digital Officer der Datev gewechselt ist. Das Endziel: die Neuerschaffung der Datev. Erstes Nahziel: Die Vereinigung von Datev-Diensten, um für die Anwender die Zahl der nötigen Logins zu verringern.

Update Datev-Lohnkräfte

Auf dem Kongress konnte ich kurz mit Datev-Vorstand Eckhard Schwarzer sprechen und mich nach dem Gedeih des Datev-Angebots zur Verstärkung der Lohnbuchhaltung erkundigen:

Nach Schwarzers Angaben nutzen derzeit rund 200 Kanzleien mit 1000 Mandanten das Angebot. Es habe sich gezeigt, dass eher kleine Kanzleien zugreifen. In der Zusammenarbeit mit den Mandanten tauchten anfänglich Berührungsängste auf, die aber verschwinden, sobald die Mandanten verstanden haben, dass es sich bei der neuen Lohnkraft um einen geliehenen Mitarbeiter der Kanzlei handelt. Genossenschaftsmitglieder können den Service nachfragen, beworben wird er derzeit nicht.

Hintergrund: Seit einem Jahr können Genossenschaftsmitglieder bei der Datev Personal zur Lohnbuchführung buchen. Diese Kräfte sitzen in Nürnberg und arbeiten online mit den Kanzlei zusammen. Das Vertragsverhältnis besteht zwischen Berater und Datev. Das heißt: Im Haftungsfall ist zunächst der Berater dran, der dann gegebenenfalls die Datev in Regress nehmen kann. Siehe auch: Lohnkräfte bei der Datev buchen, Datev-Lohnkräfte: Details und vollständiges Interview und Reaktionen auf das Datev Lohnkräfte-Angebot.

Datev Upload Mobil

Auf den Datev-Kongressen wurde auch eine App zur Belegerfassung vorgestellt: Datev Upload mobil für den kleinen Beleg zwischendurch (App-Store). Die App ist für Mandanten kostenlos. Für die Authentifizierung wird zusätzlich die App Datev SmartLogin (App-Store) benötigt, die das Prinzip der Zwei-Faktor-Authentifizierung erhalten soll.

Die App dient zum Fotografieren und Hochladen von Belegen zu Datev Unternehmen online. Auch bereits fotografierte Belege können per Öffnen in … nachträglich auf diesen Weg gebracht werden.

In ihrer Funktionalität bleibt die Datev-App damit etwas hinter Digi-Bel zurück (siehe Artikel, Digi-Bel-Homepage), das zusätzlich das Hinzufügen von Meta-Informationen erlaubt (etwa Eingabe von Namen und Anlass bei Bewirtungsbelegen).

iOS steht bereit, Android in den Sternen

Die Datev-App steht derzeit nur für Apples iOS zur Verfügung (App-Store), an eine Android-Version sei frühestens zu denken, wenn dieses System sicherheitsmäßig mit iOS gleichzieht, teilt die Datev auf der Produktseite mit.

HSP Kongress

Parallel zur Datev-Veranstaltung hatte der Kanzleiverbund HSP seine Mitglieder ebenfalls zum Kongress geladen. Mehr als 100 Teilnehmer, Berufsträger wie Mitarbeiter, waren angereist. Als Mitglied des HSP-Beirats habe ich an dem Kongress teilgenommen.

Auch hier war das Schwerpunktthema die Digitalisierung. Referenten waren dazu geladen und in der eigenen Fachausstellung zeigten Unternehmen wie Scopevisio, Exact und Kontool ihre Angebote.

Und auch hier war nicht die Technik das beherrschende Thema, sondern die Fragen nach Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Kanzleien. So haben zum Beispiel die Mitarbeiter sich diesen Fragen gewidmet und die Ergebnisse präsentiert:

  • Welche Chancen und Befürchtungen für mein Arbeitsumfeld verbinde ich ganz persönlich mit der Digitalisierung?
  • Welche neue Geschäftsfelder ergeben sich?
  • Welche Geschäftsfelder lassen sich optimieren?
  • Was wünschen sich Mandanten von einer digitalisierten Kanzlei?

Der Verbund ist 2009 gestartet und zählt inzwischen fast 600 Köpfe, darunter 90 Berufsträger an insgesamt 75 Standorten. Alle Kanzleien sind rechtlich eigenständig. Die Kanzleichefs, Mitarbeiter und Azubis treffen sich regelmäßig zu eigenen Planungstagen. Dieser Kongress führte diese Gruppen erstmals zusammen.

Und es war greifbar, wie das gemeinsame Erarbeiten von Positionen die Köpfe geeint hat. Ein Teilnehmer: „Es macht halt einen Unterschied, ob man gesagt bekommt, dass es wegen der Digitalisierung jetzt so und so zu sein hat oder ob man zusammen die eigene Haltung dazu erarbeitet.“ Der gemeinsame Besuch des Datev-Kongresses und das Feiern dürften auch nicht geschadet haben.

Weitere Impressionen von den Kongressen

Auf dem Datev-Kongress sprachen zwei empfehlenswerte Gastredner, die interessante Gedanken aus ihren Büchern vorstellten: Der Journalist Christoph von Marschall hat seine Erfahrungen als US-Korrespondent in dem Buch Was ist mit den Amis los?: Über unser zwiespältiges Verhältnis zu den USA zusammengefasst und konnte eine gute Einordnung zur Trump-Wahl liefern.

Der Autor Rolf Dobelli beschäftigt sich mit Denkfehlern, die unser Gehirn herstellerseitig mitgegeben bekommt. Erhellend und unterhaltsam. Nachzulesen hier: Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen und Die Kunst des klugen Handelns: 52 Irrwege, die Sie besser anderen überlassen.

Auf dem Datev-Blog sind Eindrücke aus Nürnberg, Berlin, Stuttgart und Essen nachzulesen. Und die Datev hat die Kongresse auch filmisch festgehalten: