• 7. Oktober 2017

Mein e-Freund der Entscheidungsbaum

Mein e-Freund der Entscheidungsbaum

1024 618 Steuerköpfe

Die Logik vieler Gesetze lässt sich auf Software-Ebene nachbilden. Fragebögen oder Chatbots machen diese Logik für den Nutzer dann abrufbar – abfragen statt nachschlagen. Auf der Steuerfachtagung in Celle traf ich zwei Gründer, die an solchen Technologien schrauben: Jan Dobinsky (links) und Krzysztof Tomasz Zembrowski. Für Steuerköpfe geben die beiden Einblick in Aufbau und Nutzen dieser Technologie.

taxfriend.de

Hintergrund

Auf ihrer Seite taxfriend.de leiten Dobinsky und Zembrowski Fragesteller durch viele steuerliche Sachverhalte. Allein die Kenntnis der eigenen Verhältnisse erlaubt Steuerlaien dabei, zu den richtigen Schlüssen zu gelangen. Wie bei einem Entscheidungsbaum hangelt sich der Fragesteller von einem Aspekt zum nächsten, jede Gabelung repräsentiert eine logische Regel. Das ist nicht nur für Steuerlaien interessant, sondern kann auch Steuerprofis die Arbeit erleichtern. Übrigens: Die beiden Gründer nehmen am kommenden Steuerberatertag in Berlin teil und freuen sich bestimmt über ein „Hallo“.

Zur taxfriend-Seite

Was sind interaktive Steuerratgeber?

Wie ein üblicher Steuerratgeber in Buchform hilft auch ein interaktiver Steuerratgeber dem Nutzer, eine Frage im Steuerrecht zu beantworten.

Bei einem interaktiven Steuerratgeber wird der Nutzer Schritt für Schritt zur Antwort auf seine Frage geführt. Zum Beispiel wird der Nutzer bei der Frage zur Anwendbarkeit der Kleinunternehmerregelung gefragt, wann das Unternehmen gegründet wurde und wie hoch der voraussichtliche Umsatz ist. Als Ausgabe erhält der Nutzer die Antwort, ob er typischerweise die Kleinunternehmerregelung in Anspruch nehmen kann oder nicht (siehe Link für das Beispiel).

Auf der Seite taxfriend.de sind viele funktionierende Beispiele zu sehen:

  • Welche Steuerklasse hat ein Angestellter?
  • Ist der Nebenjob steuerfrei?
  • Kann das Arbeitszimmer abgesetzt werden?
  • Bis wann muss die Steuererklärung abgegeben werden?
  • Ist ein Arbeitnehmer verpflichtet eine Steuererklärung abzugeben?
  • Welche ist die passende Steuersoftware für Angestellte?
  • Muss auf den Rechnungen Umsatzsteuer ausgewiesen werden?
  • Besteht die Pflicht zur Buchführung und zur Erstellung einer Bilanz?
  • Welche Rechtsform soll gewählt werden?
  • Wie oft müssen Umsatzsteuer-Voranmeldungen abgeben werden?
  • Wie oft müssen Lohnsteueranmeldungen abgeben werden?
  • Welche Steuererklärungen müssen abgeben werden?
  • Muss Gewerbesteuer gezahlt werden?
  • Ist man als Gründer Kleinunternehmer?
  • Wird bei der Gründung ein Steuerberater benötigt?
  • Kann das Arbeitszimmer abgesetzt werden?
  • Muss ein Gewerbe angemeldet werden?
  • Welche ist die passende Steuersoftware für Selbständige/Freiberufler?
  • Kann das Arbeitszimmer abgesetzt werden?
  • Wie müssen Geschenke an Kunden und Geschäftspartner steuerlich behandelt werden?
  • Wie müssen Geschenke an Mitarbeiter steuerlich behandelt werden?
  • Wie ist eine Betriebsveranstaltung steuerlich zu behandeln?
  • Welche ist die passende Steuersoftware für Selbständige/Freiberufler?
  • Wie können die Studienkosten abgesetzt werden?
  • Wie können die Ausbildungskosten abgesetzt werden?
  • Welche ist die passende Steuersoftware für einen Studenten?
  • Kann das Arbeitszimmer abgesetzt werden?
  • Welche ist die passende Steuersoftware für einen Auszubildenden?

Welche Anwendungsgebiete gibt es für eine klassische Steuerkanzlei?

Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr Anwendungsgebiete entdeckt man. Wie bei der Kleinunternehmerregelung kann ein interaktiver Ratgeber dabei helfen, einem Mandanten mehr Durchblick im Steuerrecht zu geben.

Insbesondere kann die Kommunikation mit potentiellen Mandanten in gewissen Bereichen effizienter gestaltet werden. Durch einen interaktiven Ratgeber können beispielsweise die Eckdaten wie z. B. die Rechtsform, die Anzahl der Mitarbeiter und der Umsatz abgefragt werden. Als Ausgabe erhält der Mandant eine erste Einschätzung der Kosten für die Dienstleistungen und welche Unterlagen vom Steuerberater benötigt werden (ähnlich umgesetzt bei steuerbuero.online, steueragenten.de).

Des Weiteren könnten solche Ratgeber bei den folgenden Themen helfen:

  • Schulung von eigenen Mitarbeitern zu einer Gesetzesänderung
  • Vorschlag zur handelsrechtlichen Buchung eines Sachverhaltes
  • Ausgabe von Textbausteinen wie z. B. für eine Fristverlängerung

Welche Anwendungsgebiete gibt es für Steuerabteilungen von Unternehmen?

Insbesondere bei größeren Unternehmen kommen gewisse Standardfragen, wie z. B. die steuerliche Behandlung von Betriebsveranstaltungen oder Geschenken, wiederholt vor. Ein interaktiver Ratgeber, wie z. B. im WTS EVENTmanager enthalten, kann sehr gut einen ersten Vorschlag zur steuerlichen Behandlung geben. Auf diesem ersten Vorschlag aufbauend können sich Fachleute weiter mit der Frage beschäftigen. Durch die automatisierte Vorarbeit lassen sich Steuerfragen effizienter und rechtssicher abarbeiten.

Zum Teil existieren in Unternehmen bereits Steuerrichtlinien, welche die steuerliche Beurteilung von Standardfragen vorgeben. Eine sehr spannende technische Lösung zur Darstellung dieser steuerlichen Entscheidungsprozesse ist Signavio, dass unter anderem von Big4-Gesellschaften verwendet wird. Durch die Darstellung kann besser überprüft werden, ob die Steuerrichtlinie auch für alle wichtigen Geschäftsvorfälle eine steuerliche Beurteilung vorgibt. Damit lässt sich sicherstellen, dass die Steuerrichtlinie auch die hohen Anforderungen an das steuerliche innerbetriebliche Kontrollsystem (Steuer-IKS) gem. dem Anwendungserlass zu § 153 AO erfüllt.

Können interaktive Ratgeber die Beratung durch einen Steuerberater ersetzen?

Nein. Für die Beratung des konkreten Einzelfalls wird wie bisher der Steuerberater notwendig sein.

Die automatisierte Vorarbeit des Ratgebers kann aber dazu führen, dass Steuerfragen vom Steuerberater schneller und effizienter abgearbeitet werden können. Je besser die Ratgeber werden, desto bessere Vorarbeit können diese leisten. Es handelt sich somit um unterstützende Software für den Steuerberater.

Wie kann ein Steuerberater für seine Kanzlei einen solchen interaktiven Ratgeber erstellen?

Für die Erstellung von interaktiven Ratgebern gibt es im Wesentlichen drei verschiedene Möglichkeiten:

Mit Formularsoftware lassen sich dank vorgefertigter „Templates“ ohne Programmierkenntnisse sehr nutzerfreundliche Fragebögen erstellen. Beispielsweise hat steuererklaerung.de einen Fragebogen entwickelt, mit dem als Ergebnis ein Antrag auf Fristverlängerung versendet werden kann.

Chatbots sind Programme, die eine menschenähnliche Unterhaltung simulieren und Fragen beantworten. Es existiert beispielsweise der Ratisbot, welcher Flugpassagiere bei deren Antrag auf Entschädigung gegen eine Fluggesellschaft wegen Verspätung unterstützt. Aus technischer Sicht ähneln Chatbots sehr der Formularsoftware.

Anstelle der Verwendung von Templates können interaktive Ratgeber, wie z. B. der Abmahnbeantworter des Chaos Computer Clubs, maßgeschneidert mit Texteditoren programmiert werden.

Welche Vor- und Nachteile haben die verschiedenen Software-Lösungen?

Aus unserer Sicht ist Typeform derzeit die stärkste Software am Markt, um ohne Programmierkenntnisse einen interaktiven Ratgeber zu entwickeln. Sowohl die Erstellung als auch die Nutzung von Fragebögen ist bei Typeform nutzerfreundlicher aufgebaut als z. B. bei Google Forms.

Sowohl bei Typeform als auch bei Google Forms ist die Basisversion kostenfrei. Zum Teil kann es sein, dass man einen Fragebogen erstellen will, bei dem es von der zuvor ausgewählten Antwort davon abhängt, ob eine weitere und gegebenenfalls welche Frage im Ablauf folgt. Die Erstellung von solchen Fragebögen, die eine auf sog. Entscheidungsbäumen beruhende Struktur aufweisen, sind ein wenig aufwendiger in der Erstellung. Die Verwendung solcher Fragebögen ist nur bei Google Forms kostenfrei. Bei Typeform fällt eine monatliche Gebühr an.

Chatbots sind aus unserer Sicht etwas schwächer als Formularsoftware. Zum einen ist die Erstellung von Fragebögen aufwendiger. Des Weiteren wirkt das Design bei der Nutzung weniger seriös als z. B. bei Typeform.

Bei umfangreicheren Projekten, wie bereits bei der Entwicklung von taxfriend.de, können sehr schnell die Funktionen der vorhandenen Formularsoftware bzw. der Chatbots nicht ausreichend sein. Z. B. sind bei Typeform gewisse Berechnungen oder bestimmte komplexere Ausgaben nicht möglich. In solchen Fällen programmieren wir meistens die Grundsoftware vom interaktiven Ratgeber in PHP und greifen dabei auf Programmiergerüste (sog. Frameworks) zurück. Die Erstellung der Fragebögen erfolgt über sog. strukturierte Datenformate (XML oder JSON) oder relationale Datenbanken (SQL).

Wie wird sich das Thema aus Eurer Sicht in Zukunft entwickeln?

Interaktive Ratgeber geben bei gleicher Eingabe immer die identische Ausgabe. Dies wird sich in Zukunft durch die Möglichkeit der Anwendung von künstlicher Intelligenz, wie z. B. durch IBM Watson, ändern.

Vereinfacht dargestellt wertet künstliche Intelligenz alle zur Verfügung gestellten Informationen, z. B. aus einer Datenbank, aus und gibt darauf basierend eine Ausgabe. Durch neue Einträge, wie z. B. aus der Erfahrung einer neuen Betriebsprüfung, erweitert sich das gesammelte Wissen. Dadurch kann es dazu kommen, dass es bei gleicher Eingabe durch die neuen Informationen zu einer anderen Ausgabe kommt. Ein interaktiver Ratgeber mit künstlicher Intelligenz kann somit „selbst lernen“.

Beispielsweise entwickelt derzeit eine Big4-Gesellschaft ein System zur Risikoeinschätzung für die Hinzurechnungsbesteuerung für Tausende von Tochtergesellschaften von Unternehmen, das durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz immer bessere Ausgaben geben soll. Da die künstliche Intelligenz nur mit Vergangenheitswerten arbeitet, kann die Technologie bei einer Gesetzesänderung an ihre Grenzen kommen.

Kontakt & Info

Krzysztof Tomasz Zembrowski (xing) und Jan Dobinsky (xing) haben sich unter der Firmierung Recht logisch GbR als Programmierer und IT-Prozessberater im Steuerrecht selbstständig gemacht. Daneben entwickeln sie eigene Steuersoftware wie z. B. taxFriend.de. taxFriend unterstützt insbesondere Gründer, Selbstständige, Angestellte und Studenten bei der Beantwortung von Standardfragen im Steuerrecht. Vor seiner Selbstständigkeit hat Krzysztof Tomasz Zembrowski unter anderem Software zur Automatisierung der Umsatzsteuer-Deklarationsprozesse (WTS eVAT Reporting) programmiert, die sich bei DAX-Konzernen im Einsatz befindet.