• 10. Dezember 2017

Eine Datev-Plattform für Steuerbürger – Interview mit Lars Meyer-Pries

Eine Datev-Plattform für Steuerbürger – Interview mit Lars Meyer-Pries

Eine Datev-Plattform für Steuerbürger – Interview mit Lars Meyer-Pries 1024 557 Steuerköpfe

Bevor berufsfremde digitale Plattformen den deutschen Steuerberaterungsmarkt für sich entdecken, überlegt die Datev, lieber eine eigene Plattform ins Rennen zu schicken. Eine Satzungsänderung ist im Gespräch. Lars Meyer-Pries, Leiter strategische Entwicklung bei der Datev, mit den Details.  

Welche Veränderung des Marktumfeldes registrieren Sie?

Eine zentrale Entwicklung der digitalen Transformation ist das Aufkommen disruptiver Geschäftsmodelle. Das beobachten wir an vielen Stellen. Dabei schieben sich digitale Plattformen in etablierte Beziehungen zwischen Dienstleistern und Kunden. Damit geht die „Pole-Position“ des bisherigen Dienstleisters beim Kunden verloren.

Das Geschäftsmodell dieser Plattformen ist, dass sie wesentliche Teile der Wertschöpfung einstreichen. Diese übernehmen zum Beispiel die Geschäftsanbahnung, das Vertragswesen, die Auftragsabwicklung, die Distribution, den Zahlungsverkehr, den Service und auch die Preisgestaltung. So werden die eigentlichen Händler, Dienstleister, Handwerker und in Zukunft vielleicht auch Steuerberater zu anonymen Produktionsfaktoren solcher Plattformen – und werden selbst in den Hintergrund gedrängt.

Wir können beobachten, dass solche Plattformen in der jüngeren Vergangenheit immer zahlreicher und wichtiger geworden sind. Und grundsätzlich werden sie nicht aufzuhalten sein. Diese Entwicklung betrifft alle Branchen. Und es wäre naiv anzunehmen, es gebe dort Ausnahmen.

Plattformen werden nicht aufzuhalten sein. Diese Entwicklung betrifft alle Branchen. Und es wäre naiv anzunehmen, es gebe dort Ausnahmen. (…) Das ist der Beginn einer sich aufbauende Welle.

Lars Meyer-Pries über den Siegeszug der Plattform-Ökonomie

Deshalb schauen wir bei den freien Berufen, ob sich dort auch solche Veränderungen ergeben. Und im Fall der Rechtsberatung haben sich für spezialisierte Teilbereiche bereits solche Plattformen etabliert und in die Beziehungen zwischen Anwalt und Mandant gedrängt.

Zum Beispiel bei der Überprüfung von Strafzetteln oder der Einforderung von Fahr- und Fluggastrechten. Das sind in sich geschlossene und stark automatisierbare Abläufe, die signalisieren, was heute bereits möglich ist. Die Plattformen ziehen dabei einen erklecklichen Teil der Wertschöpfung an sich.

Perspektivisch sind solche Angebote eine Herausforderung für die Geschäftsmodelle von Rechtsanwaltskanzleien. Das ist der Anfang einer sich aufbauenden Welle und unterm Strich werden solche Aspekte auch im Bereich der Steuerberatung zu erwarten sein.

Im Konsumentenbereich sind Plattformen schon gängige Praxis – in Deutschland, Europa und in der Welt. Wir buchen Hotelzimmer bei Portalen, die kein einziges Haus betreiben, bestellen Taxis bei Anbietern, die kein einziges Auto haben. Es ist die generelle Strategie dieser Plattformen, sich in bestehende Kundenverhältnisse einzuklinken. Diese Entwicklung wird auch vor anspruchsvolleren Dienstleistungen wie der Steuerberatung nicht haltmachen.

Wie wollen Sie darauf reagieren?

Die Datev möchte ihre Mitglieder natürlich auch in Zukunft in der Erfolgsspur halten. Der Erfolg unserer Mitglieder bestimmt unser Handeln und ist immer unser Ziel. Was uns dabei schon immer stark gemacht hat, ist die genossenschaftliche Idee.

Der einzelne Steuerberater hat kaum eine Möglichkeit, sich im Wettbewerb mit berufsfremden Portalen zu behaupten. Als Genossenschaft sind wir jedoch stark genug, solch eine Entwicklung frühzeitig aktiv mitzugestalten.

Es ist der Kern der genossenschaftlichen Idee, für die Gesamtheit der Mitglieder etwas aufzubauen, was einzelne Berufsträger alleine nicht leisten können.

Wenn wir uns die Entwicklung der Plattformen ansehen, stellen wir fest, dass wir unsere Mitglieder bei der Anbahnung von Mandatsverhältnissen am besten unterstützen können.

Dabei haben wir eine bestimmte Zielgruppe im Auge: und zwar den noch nicht steuerberatenen Steuerpflichtigen. Wir nennen es das Steuerbürger-Szenario. Dort setzen unsere Überlegungen an, wie wir eine Anbahnung im Sinne der genossenschaftlichen Idee gestalten können.

Wir können unsere Mitglieder bei der Anbahnung von Mandaten am besten unterstützen.

Lars Meyer-Pries über die Vorteile einer genossenschaftlichen Plattform.

Wie könnte das aussehen?

Dazu muss man sich anschauen, wie sich dieser Steuerbürger heute dabei behilft, wenn er einen Steuerfall selbst bearbeitet. Stichwort einfache Steuererklärung. Wie können wir dort Unterstützung liefern? Zum Beispiel immer dann, wenn ein Steuerberater als Experte hinzugezogen werden soll oder auch, wenn der Steuerbürger nicht von sich aus erkennt, dass eine Beratung angezeigt ist. Wie kann diese Anbahnung, dieser Übergang zur Beratung möglichst einfach und komfortabel funktionieren? Die Idee ist, diese Zielgruppe über ein Portal anzusprechen, das genau das ermöglicht.

Dadurch können wir die Kompetenz des Berufsstandes in der digitalen Transformation zur Geltung bringen. Und für den Endanwender auf einer Plattform zur Verfügung stellen, die sich so verhält, wie er das von vielen anderen Plattformen bereits kennt.

Wo liegt der Nutzen für die Anwender?

Darin, dass die Anwender den Prozess der Deklaration sicher und komfortabel abwickeln können. Da geht es um mehrere Fragen: Wie kommen Belege und Daten in die Deklaration hinein? Mit einem möglichst automatischen Einlesen und Zuordnen der Belege inklusive? Und wie kommt der Steuerbürger zum Steuerberater? Zum Beispiel, weil der Steuerbürger vor Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung steht oder sich für ihn andere Einkommensarten abzeichnen. Die Anwendung könnte hier sagen: Lass dich jetzt mal besser beraten, ich habe da komplizierte Sachverhalte oder neue Einkommensarten gefunden.

Warum machen Sie das dann nicht einfach?

Wenn wir das als genossenschaftliche Plattform für unsere Mitglieder zentral anbieten wollen, stehen dem derzeit satzungsrechtliche Gründe entgegen.

Denn die Satzung der Datev ist entstanden, bevor überhaupt jemand ahnen konnte, welche dramatischen Folgen die digitale Transformation haben wird.

Daher diskutieren wir in der Genossenschaft sehr sorgfältig und ausführlich darüber, wie die Datev unter veränderten technologischen Bedingungen zum Wohle ihrer Mitglieder erfolgreich bleiben kann.

Es geht um ein Angebot für eine Zielgruppe, die noch nicht zum Mandantenkreis unserer Mitglieder gehört. Das ist der Punkt. Und hier kommt eine Satzungsänderung ins Spiel. Aber die Diskussion darüber ist noch nicht abgeschlossen und es gibt noch keine Ergebnisse oder Entscheidungen dazu.

Es geht Ihnen also um die Erlaubnis, noch-nicht-Mandanten als Datev ansprechen zu können?

So ist es. Und diese wollen wir so natürlich zu Mandanten unserer Mitglieder machen.

Lars Meyer-Pries, Datev, Steuerbürger-Szenario, Plattform-Ökonomie

Ist das Plattform-Szenario nicht auch für Firmen-Mandanten interessant? Müssten da nicht auch Angebote von der Datev kommen, die diese Plattformgedanken vorwegnehmen?

Wir fokussieren uns auf noch nicht beratene Privatpersonen, die so genannten Steuerbürger. Wir diskutieren genossenschaftsintern ausführlich und genau weitere Szenarien. Insofern bitte ich um Verständnis, dass ich dazu nichts sagen kann, solange wir diese Diskussionsprozesse noch nicht abgeschlossen haben.

Wir wollen die Steuerberater auch in der Plattform-Ökonomie im Spiel halten und ins Zentrum stellen. Die Berater sollen den Digital Natives, die heute bereits ganz natürlich mit solchen Angebotsform aufgewachsen sind, attraktiv ansprechen können. Wir verstehen das Steuerbürger-Szenario als Hilfe für die Anbahnung von Mandaten.

Wie informieren Sie ihre Mitglieder darüber?

Zusammen mit unseren Gremien haben wir Vorschläge erarbeitet und sind mit unseren Vertretern darüber in einem intensiven Austausch. Außerdem haben wir zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt, um Hintergrund und Stoßrichtung dieses Szenarios zu erklären.

Welche Rückmeldung haben sie von ihren Mitgliedern bislang dazu erhalten?

Wir freuen uns über große Unterstützung und großes Interesse an der Art und Weise, wie wir diese Themen aufgreifen und im Sinne des Berufsstandes gestalten möchten. Wenn wir als Berufsstand in der Plattform-Ökonomie erfolgreich sein wollen, ist das Steuerbürger-Konzept eine sinnvolle Strategie.

Ist die Anpassung an die Plattform Ökonomie eine Kann- oder eine Muss-Möglichkeit?

Wie bereits gesagt: Zukünftige Mandanten nutzen heute schon – Stichwort Digital Natives – solche Angebote wie selbstverständlich. In der Wahrnehmung der jungen Generation ist die Anbahnung von Geschäftsbeziehungen schon gar nicht mehr anders denkbar. Aufgrund unserer statistischen Informationen gehen wir davon aus, dass bereits im Jahr 2020 die Mehrheit aller Geschäftsbeziehungen so beginnen. Es geht um eine strategische Ausrichtung, die zukunftsgerichtet zu entscheiden ist.

Dr. Lars Meyer-Pries (* 1966 und aus Osnabrück) vor dem IT-Campus in Nürnberg. Seit Herbst 2016 ist er Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter strategische Entwicklungen Gesetzgebung Markt Berufsstand.

Mehr Infos:

  • Steuerköpfe: Zwei mal Nürnberg Bericht über den Datev-Kongress, auf dem auch Lars Meyer-Pries in seiner jetzigen Funktion vorgestellt wurde.
  • Infos zum Steuerbürger-Konzept im geschützen Mitgliederbereich der Datev: Genossenschaftliche Plattformstrategie
  • Die US-Steuererklärer H&R Block starten Services, bei dem der Steuerpflichtige seine Erklärung beginnt und auf Wunsch mit einem Berater von H&R vollenden kann, natürlich online. Auch eine Art Steuerbürger-Konzept.