• 13. Mai 2018

Eckhard Schwarzer über die Datev Plattformstrategie

Eckhard Schwarzer über die Datev Plattformstrategie

Eckhard Schwarzer über die Datev Plattformstrategie 1024 649 Steuerköpfe

Die Datev tourt mit ihrem neuen Veranstaltungsformat Regional-Info-Tage durch das Land und stellt dabei auch die avisierte Plattformstrategie ihren Mitgliedern vor. Datev-Vorstand Eckhard Schwarzer spricht im Interview über die Reaktionen der Mitglieder dazu und Anpassungen zum zweiten Abstimmungsanlauf. Ein weiterer Teil des Gesprächs mit Eckhard Schwarzer wird in einer kommenden Folge des Podcast Kanzleifunk zu hören sein.

Hintergrund Datev-Plattformstrategie

Hauptziel der Plattformstrategie ist, den Datev-Kanzleien neue Mandanten zuzuführen. Gezielt wird dabei auf noch nicht beratene Steuerpflichtige (aka Steuerbürger, daher auch Steuerbürger-Szenario), die als einfache Einkommensfälle auf die Plattform gelockt werden sollen.

Der Köder: eine Anwendung für die ESt-Erklärung, die selbstständig erkennen soll, wann der Anwender Beratungsbedarf hat. Dann schlägt die Anwendung Alarm und dem Anwender Datev-Berater vor. Solch ein Anlass können zum Beispiel erstmalige Einnahmen aus V&V oder einer Photovoltaik-Anlage sein. Der Anwender kann seinen Fall aber auch ohne Berater abschließend bearbeiten.

Als App wendet sich die Anwendung an noch nicht beratene Steuerpflichtige. Die immer dann, wenn deren Lebensumstände steuerlichen Rat erfordern, Datev-Kanzleien unter die Nase gerieben bekommen.

Geplant ist außerdem derselbe Service für Steuerpflichtige mit Steuerberater – dann ohne Empfehlung weiterer Steuerberater. Und der Berater soll seinen Mandanten Zugang zu dieser Plattform über die Kanzleihomepage anbieten können.

Noch ist die Plattform-Strategie ein reines Planspiel. Denn Voraussetzung für diesen Service ist eine Satzungsänderung, über die die Vertreterversammlung Ende Juni zum zweiten Mal abstimmen wird, nachdem die Änderung im ersten Anlauf knapp abgelehnt worden war.

Regional-Info-Tage

Die Regional-Info-Tage sind der Ersatz für den cebit-Auftritt der Datev. Eine eintägige Veranstaltung – in größeren Städten auch an zwei Tagen hintereinander – mit Vorträgen und einer kleinen Messe, auf der die Datev und Kooperationspartner ihre Produkte vorstellen. Der Cebit-Auftritt der Datev wird in Zukunft kleiner ausfallen und sich nicht mehr vorrangig an die Mitglieder wenden.

Interview mit Eckhard Schwarzer

Sie haben jetzt schon 15 der 22 Regional-Info-Tage hinter sich und fragen zum Ende hin die Stimmung zur Plattform-Strategie ab. Hier in Hannover klebten die meisten Sticker unter dem lächelnden Smiley. Ist das Stimmungsbild immer so gut?

Eckhard Schwarzer (E.S.): Auf den ersten beiden Info-Tagen in Hamburg hatten wir das noch gar nicht abgefragt. Aber dort kam ein Teilnehmer auf uns zu und fragte, wo er sich in einer Unterschriftenliste eintragen könne. So kamen wir auf die Idee mit diesen Aufklebern und seit München haben wir das jetzt durchgängig auf den Veranstaltungen. Und es ist immer fast das gleiche Bild, teilweise sogar noch stärker im positiven Bereich. Was zu beobachten ist – und das ist ganz interessant: Wenn Mitarbeiter im Raum sind, wird es von deren Seite eher neutral bis negativ gewertet. Da ist offenbar die Angst vor der Veränderung relativ groß. Wenn die Mitarbeiter zuvor den Vortrag von unserem Außendienst-Leiter Stefan Meisel gehört haben mit der Fibu-Automatisierung und dann mit offenen Augen durch die Ausstellung gehen, dann merken sie zumindest einen enormen Veränderungsdruck auf ihrem Berufsbild. Was faktisch auch so ist, aber nicht heißt, dass das Berufsbild verschwinden wird. Aber es wird sich massiv verändern und da merken wir dann, dass die Pünktchen mehr nach links wandern. Insgesamt ist es aber ein ausgesprochen positives Bild, mit spannenden regionalen Unterschieden und interessanten Diskussionen.

Was ist denn die häufigste Rückfrage zum Steuerbürger-Konzept?

E.S.: Die ist häufig: Wenn das Ding denn mal läuft, dann sei es doch nur eine Frage der Zeit bis dann auch Fibu oder Lohn auf dieser Plattform angeboten werden. An diesem Punkt lege ich dar, dass dem die Selbstverpflichtung des Vorstandes entgegensteht und dass solch ein Schritt unsere Strategie konterkarieren würde. Das wird eigentlich immer positiv aufgenommen und das wird auch gut verstanden. Nichtsdestotrotz ist diese Frage immer wieder virulent. Und genau deshalb haben wir die von uns intern mal so genannte „Firewall“ um die Satzungsänderung eingebaut – mit Informationspflichten, mit Prüfpflichten, mit Freigabe- und Genehmigungspflichten der beteiligten Gremien. Und jetzt wird in der neuen Version der Förderzweck unserer Genossenschaft noch stärker betont. Im neuen Vorschlag sind außerdem ausdrückliche Hinweise auf die im Genossenschaftsgesetz enthaltenen Bestimmungen zu den Sorgfaltspflichten und Verantwortlichkeiten von Vorstand und Aufsichtsrat einschließlich der jeweiligen Haftung enthalten. Mehr kann man da nicht tun.

Wollten wir aber Lohn- und Fibu-Leistungen explizit, exakt und eindeutig auf Satzungsebene ausschließen, würde es am Ende zu einer wahnsinnig komplexen und komplizierten Formulierung kommen, die dann wiederum zu Auslegungsstreitigkeiten bis hin zu Gerichtsprozessen führen könnte. Das war eines der Hauptargumente von Mitgliedern in der Satzungskommission – und nicht des Vorstandes wohlgemerkt: Eine stark eingrenzende Formulierung der Dienstleistung in der Satzung ist immer interpretierbar und damit auch juristisch angreifbar. Das ist ja übrigens auch das Problem des Gesetzgebers und der Grund für die Überlastung der Gerichte. Diesen Problemherd können wir ausschalten, indem wir den Satzungstext umfassend halten und die Eingrenzung über die erwähnten Sicherheitsmechanismen und Gremien sicherstellen.

Eine stark eingrenzende Formulierung der Leistung in der Satzung ist immer interpretierbar und damit auch juristisch angreifbar.

Und wenn sich der Markt wilder entwickelt, als wir uns das heute vorstellen können?

E.S.: Sollte sich alles irgendwann in eine ganz andere Richtung entwickeln, dann hätte der Berufsstand ganz andere Probleme. Dann muss man wahrscheinlich völlig neu denken und deswegen stellt sich für mich heute diese Frage nicht. Im Gegenteil. Unsere Strategie greift. Inzwischen haben wir mehr als 130 Partner in unserem Datev-Marktplatz und sind so mit der Genossenschaft der Steuerberberater verwoben. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass es von Vorteil ist, mit der IT-Genossenschaft der Steuerberater zusammenzuarbeiten, um im deutschen Mittelstand auf lange Sicht Fuß zu fassen.

Das macht SAP im Bereich Lohn. Genauso wie Microsoft Dynamics und Anbieter, die auf der Salesforce-Plattform aufsetzen. Dabei ist der Ablauf immer der gleiche: Diese Softwarehäuser kommen nicht zuerst auf die Datev zu, sondern vermarkten sich zunächst an den deutschen Mittelstand und merken dann: Da gibt es ja einen kaufmännischen Partner – Stichwort Steuerberatungskanzlei – mit einer eigenen IT-Organisation im Hintergrund.

So war es auch mit Paypal. Wir haben versucht, mit diesem Zahlungsanbieter ins Gespräch zu kommen. Keine Reaktion. Nach drei Jahren kam Paypal dann von sich aus auf uns zu, weil der Druck von den Onlinehändlern so groß geworden war. Denn die Händler brauchen vernünftige Basisinformationen, damit die Umsätze und die Zahlungen ordentlich zuzuordnen sind. Die Paypal-Datev-Schnittstelle ist auch schon freigegeben.

Sie hatten im Zusammenhang mit der technischen Umsetzung der Steuerbürger-Plattform auch über einen möglichen Kauf eines Startups aus diesem Bereich sinniert. In wen muss ich denn jetzt noch schnell investieren?

E.S.: (Lacht). Insiderhandel ist strafbar. Da gibt es noch keine konkreten Überlegungen. Unsere Optionen sind: Mit einer Eigenentwicklung bei Null anfangen – das ist eine aufwendige und langwierige Geschichte. Wir können in Kooperation gehen mit einem bestehenden Anbieter – das heißt Adaptionsaufwand und möglicherweise Marktabgrenzungsfragen. Und die dritte Möglichkeit ist, dass man eine Lösung eines bereits existierenden Anbieters übernimmt – in Lizenzform, als White Label oder direkt. Das sind die Optionen, die wir grundsätzlich haben. Voraussetzung dafür ist aber in jedem Fall eine Zustimmung der Vertreterversammlung zur Satzungsänderung am 29. Juni, nur dann können wir in diese Richtung aktiv werden. Momentan sind uns da die Hände gebunden, denn es wäre bereits ein Satzungsverstoß, würden wir jetzt in dieser Richtung auch nur Kooperationsgespräche führen. Wir entwickeln also derzeit auf Papier und in Theorie und haben aber zusätzlich Videos anfertigen lassen, die das Prinzip einer solchen Plattform veranschaulichen.

Sie haben im stb-web.de-Interview Bewertungen angesprochen. Warum ist dieser Punkt so heikel und wie wollen Sie ihn entschärfen?

E.S.: Wenn es nur um positive Bewertungen geht, wird niemand etwas dagegen haben. Wenn aber kritische Bewertungen abgegeben werden, dann kommt es zu Diskussionen. Sie kennen das Urteil im Zusammenhang mit jameda. Das zeigt ja, welche Diskussionen da entstehen können. Es muss eine transparente Bewertung sein – wenn es denn eine gibt. Es muss eine offene und ehrliche Bewertung sein. Es darf sich kein Anonymus darauf bewegen – und auch kein Pseudonymus. Sondern wir sind für Klarnamen. Und der Bewertete muss eine Möglichkeit bekommen, das entweder zu kommentieren oder einen Einspruch zu erheben oder es im krassesten Fall es vielleicht sogar löschen zu lassen. Wir können und dürfen es uns als Datev nicht anmaßen, solch einen Bewertungskatalog selbst zu kreieren. Deshalb suchen wir dort den Schulterschluss mit dem Berufsstand, den Gremien und dem Vertreterrat, um uns Unterstützung zu holen, beraten zu lassen und Konsens herzustellen. Ob es dann am Ende des Tages wirklich eine Bewertungsmöglichkeit geben wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Es kann sein, dass sich der Berufsstand in Gänze dagegen ausspricht und wir uns ganz andere Auswahlkriterien suchen müssen. Aber heutzutage wird von den Suchenden schon sehr viel Wert auf qualitativ gute Bewertungen gelegt.