• 5. Oktober 2018

Eine Steuerintelligenz als digitaler Concierge – Gastbeitrag von Daniel Kirch, taxy.io

Eine Steuerintelligenz als digitaler Concierge – Gastbeitrag von Daniel Kirch, taxy.io

Eine Steuerintelligenz als digitaler Concierge – Gastbeitrag von Daniel Kirch, taxy.io 1024 396 Steuerköpfe

Die Gründer von Taxy.io arbeiten daran, den Rechercheaufwand in der Steuerberatung zu reduzieren. Sie setzen dabei auf Natural Language Processing (NLP) und Machine Learning (ML). Das soll Berater entlasten und sie technologisch unterstützen, die beiden Informationssilos Mandant und Gesetz miteinander abzugleichen. CFO Daniel Kirch gibt Einblick in die Pläne und Entwicklungsarbeit:

Aus der eigenen beruflichen Erfahrung heraus haben wir festgestellt, dass es für Steuerberater sehr schwierig ist, ihre Mandanten in der gegebenen Zeit umfassend zu beraten, da meistens nicht alle relevanten Informationen – sowohl mandantenseitig, als auch steuerrechtsseitig – unmittelbar vorliegen.

Wir haben unseren Steuerberater beraten, wie er uns beraten soll.

Oft haben wir uns in solchen Situationen gewundert, warum wichtige Aspekte unserer Mandantensituation nicht proaktiv abgefragt wurden oder relevante neue Urteile, von denen wir kürzlich gelesen hatten, nicht in die Beratung mit einbezogen wurden. Manchmal endete das so, dass wir unseren Steuerberater beraten haben, wie er uns beraten soll. Das Problem dabei war, dass die Mandanten-Situation immer komplexer wird und dass sich rechtliche Rahmenbedingungen stets weiterentwickeln.

Wie viel Recherche berechnen Sie tatsächlich weiter?

Der Steuerberater muss dann durch viel manuelle Recherchearbeit die beiden Informationssilos – Mandant und Gesetz – miteinander abgleichen und wird dabei kaum technologisch unterstützt. Schätzungen zufolge werden von deutschen Steuerberatern jährlich Millionen Arbeitsstunden jährlich für die Recherche verwendet, aber wie viele davon können sie davon an den Mandanten weiterberechnen?

Zu viel Nachschlagen, zu wenig Beratung

Ein hoher Anteil manueller Tätigkeiten begünstigt zudem menschliche Fehler und verringert die Zeit für kreative oder strategische Beratung. Nach Analyse dieses Problems mittels Umfragen, Interviews und der Hospitation bei Steuerberatern, haben wir überlegt, wie eine ideale Lösung aussehen könnte: ein Steuerberater bräuchte eine digitale, einfach erreichbare Steuerintelligenz, die seine Informationsbedürfnisse versteht und Antworten auf sein spezifisches Problem präsentiert – so wie ein digitaler Concierge –, nur dass die Fragen weitaus komplizierter sind als „Wo finde ich den nächsten Italiener?”. Profitieren werden davon am Ende alle Wirtschaftsbeteiligten, da sich schnellere, bessere und proaktivere Steuerberatung positiv auf alle Transaktionen niederschlägt.

taxy.io. Foto: taxy.io

Unsere Produkte basieren auf Natural Language Processing (NLP) und Machine Learning (ML), beides zwei sehr spannende Elemente, die der künstlichen Intelligenz zugeordnet werden. Mit NLP kann ich Software beibringen, geschriebene natürliche Sprache (und Gesetzestexte zählen wir hier zur natürlichen Sprache) zu verstehen. Wir haben bisher 35.000 Paragraphen, 45.000 Urteile und 3.000 Seiten Verwaltungsrichtlinien aus dem steuerlichen Kontext verarbeitet und einen riesigen semantischen Textkorpus aufgebaut.

Dank der unterschiedlichen Dokumentenarten ergibt sich dabei ein umfassender Blick auf die steuerliche Regulation. Damit das Finden von Informationen nicht nur stichwortbasiert funktioniert, braucht man trainierte NLP-Algorithmen, die zum Beispiel verstehen, ob es sich bei der Zahl Drei um eine Frist, ein Paragraphennummer oder eine Seitenzahl handelt, oder NLP-Algorithmen, die alle Formulierungsmöglichkeiten von Ausnahmen erkennen („gilt nicht, wenn”, „es sei denn, dass…”, „findet keine Anwendung, wenn …”). Es ist hierbei nicht zielführend, eine vollständige Liste der Ausnahmen in der Software festzuschreiben, daher bringen wir unserer Software bei, solche und andere gesetzliche Elemente eigenständig zu erkennen.

taxy.io von links nach rechts: Sven Weber,
Daniel Kirch (Autor dieses Artikels), Sven Peper und Steffen Kirchhoff

Unsere Technologie trainieren wir nicht nur mit der gesetzlichen Primärliteratur, sondern auch auf Basis von anonymen E-Mail-Anfragen von Mandanten, um mit einer gewissen Erfolgswahrscheinlichkeit die relevanten Auszüge von Gesetzen, Urteilen und Richtlinien zu finden, die ein Steuerberater zur Beantwortung dieser Anfragen benötigt.

Zukünftig erlaubt uns dies die semi-automatische Beantwortung von Mandanten-Mails mittels vorgefertigter Textbausteine, die wir unseren Steuerberatern mit einem Klick zum Absenden zur Verfügung stellen. Unsere Resultate werden darauf aufbauend durch direktes und indirektes Feedback der Nutzer ständig verbessert.

taxy.io: Startseite des MVP des semantischen Suche
taxy.io: Startseite des MVP des semantischen Suche
taxy.io: MVP des Antworttools
taxy.io: MVP des Antworttools
taxy.io: MVP der proaktiven Information zu relevanten Themen und im Abgleich mit Mandanten
taxy.io: MVP der proaktiven Information zu relevanten Themen und im Abgleich mit Mandanten

Von der Meta-Suchmaschine zum Meta-Verständnis

Primärliteratur wie Gesetze und kanzleieigene Unterlagen in einer Meta-Suchmaschine zu verbinden ist ein sehr guter erster Schritt. Die Frage hierbei ist: Weiß meine Software, was ich finden möchte? Oder zeigt sie alle Dokumente an, in denen ein bestimmtes Suchwort auftaucht? Dann führt eine größere Datenbank zwar zu mehr, aber nicht unbedingt zu besseren Antworten. Wir arbeiten daher an einem semantischen, kontextbezogenen Verständnis von Frage und Antwort, basierend auf textlichen Unterlagen der gesetzlichen Rahmenliteratur und der Mandantenakte sowie hinreichendem Training.

Unsere Steuerberater berichten uns, dass es von Mandanten zunehmend erwartet wird, dass sie fast rund um die Uhr den Klienten zur Seite stehen und in kürzester Zeit reagieren. Gleichzeitig sehen fast alle Steuerberater in der Digitalisierung die größte Herausforderung für den zukünftigen Erfolg. Aber wie geht Digitalisierung genau? Unsere Technologie bietet die Möglichkeit, auf die Veränderung, die die Steuerberatung ohnehin erfährt (neben Digitalisierung, komplexere Gesetzeslage, komplizierte Mandantensituationen auch Fachkräftemangel, steigender Kosten- und Zeitdruck, etc.), angemessen reagieren zu können. Mit unserer Technologie leisten wir einen Beitrag zur Digitalisierung der Steuerberatung und machen die Branche zukunftsfähiger.

Mit unseren Produkten wird es zukünftig möglich sein, mit viel weniger Suchaufwand die relevanten Informationen aus der Primärliteratur zu extrahieren, proaktiv auf Veränderung bei Mandant und Gesetz zu reagieren und Mandantenanfragen wesentlich schneller und treffsicherer zu beantworten.

Ausblick

Aktuell befinden sich unsere Produkte im Minimum-Viable-Product-Stadium mit Fokus auf deutsche Steuerregulation und wir validieren die ersten Versionen mit Pilotnutzern. Darunter sind über 400 Mitarbeiter aus kleinen, mittleren und großen Steuerberatungen. Zuletzt haben sich darüber hinaus sehr spannende Ansätze mit Versicherungen, Verlagen und Finanz-Softwareherstellern ergeben, in deren digitale Produkte wir unsere intelligente Lösungen integrieren können.  Für den weiteren Austausch mit Steuerberatungen, Verlagen, Firmen aus den Bereichen Finanzen und Versicherungen sowie Softwareunternehmen sind wir jederzeit sehr offen. Wir freuen uns ebenso über Kontakt zu interessierten Business Angels und Investoren.

Aktuell sind wir noch dabei, unsere Software auf dem zu trainieren „was da ist” und das ist im deutschen Steuerkontext eine Menge. Bis unsere Software anfängt, kreativ zu werden und eigene Gestaltungsideen entwickelt, dauert es noch eine Weile, sodass dies zunächst proprietäres Revier des Menschen bleibt.

Bis dahin werden wir weiterhin mit Hochdruck und Herzblut an unserer Vision, einer zentralen Plattform für digitale steuerrechtliche Intelligenz arbeiten, damit Steuern handhabbarer und fairer werden.