• 11. April 2019

Digitax auf der Münchner Steuerfachtagung 2019

Digitax auf der Münchner Steuerfachtagung 2019

Digitax auf der Münchner Steuerfachtagung 2019 1024 563 Steuerköpfe

Mit einem neuen Veranstaltungssegment hat der Verein der Münchner Steuerfachtagung das Thema Digitalisierung aufgegriffen: Digitax. Unter der Leitung von Deborah Schanz und Fritz Esterer soll der Tag zu einem festen und eigenständigen Teil der Fachtagung werden. Der Auftakt hatte laut Esterer das Ziel beim Thema Digitalisierung „Ängste zu nehmen und Chancen erkennen zu helfen“.

„Wir müssen uns miteinander bewegen“, sagte Fritz Esterer. Unterschiedliche Tempi in Finanzverwaltung, Berufsstand und Wirtschaft führten zu Unzufriedenheit und mangelnder Compliance. Auch international beobachtet Esterer Geschwindigkeitsunterschiede: Es seien inzwischen Länder wie Italien oder Polen, die mit der Digitalisierung Deutschland vor sich hertrieben. Die Nutzung der E-Bilanz sei im Vergleich zu anderen Länder „ein Witz“. Deutschland drohe zu einem digitalen Entwicklungsland zu werden.

Die Digitax Tagungsleitung: Deborah Schanz (LMU) und Fritz Esterer (WTS)

Die Digitalisierung bricht nach Esterers Beobachtung bestehende Strukturen auf. „Wir gehen in eine transparente Welt, der gläserne Steuerpflichtige wird kommen“, sagte Esterer. Das Steuergeheimnis sei neu zu definieren. Die Eigenverantwortung der Steuerberater stehe ebenso vor einer Neudefinition wie der Freiberufler-Status. „Wir werden zu Prozessberatern“, sagte Esterer. „Die Steuerberater werden sich Richtung Gewerblichkeit verändern müssen.“ Bei all dem gehe es darum, dieses „change management“ beim Mandanten mit Augenmaß anzugehen.

Wie diese Prozessberatung aussehen kann, skizzierte StB Stefan Groß (PSP, München): Es geht darum einen Arbeitsfluss herzustellen, der vom Belegeingang, über Belegeinordnung, bis hin zur Archivierung und zur Bereitstellung fürs Finanzamt digital abläuft. Fristen- und deklaratorische Überwachung sowie Archivierungs- und Löschzyklen seien damit automatisierbar. Das Ergebnis: continuos auditing statt Stichproben und eine Absicherung steuerlicher Entscheidungen aufgrund umfassender Daten – vorausgesetzt die Daten seien valide.

Und Groß verwies auf einen Nebeneffekt eines italienischen Reformprojekts. In Italien erhält seit Jahresbeginn nur noch derjenige die Vorsteuer, der die dazugehörige Rechnung in einen Fiskalspeicher hochlädt, von wo aus sie an den Leistungsempfänger weitergeleitet wird. Diese Vorsorge gegen Umsatzsteuerbetrug solle Italien etwa 6 Mrd. Euro Mehreinnahmen bescheren. Der Nebenfeffekt: Ein riesiges Einsparpotential für die italienischen Unternehmer, die Rechnungen seither ausschließlich in einem Format empfangen und sich mit Automatisierung darauf einrichten können.

RA Dr. Hans Maier brachte die Sicht seines Arbeitgebers ins Spiel: Die Robert Bosch GmbH ist mit ihren internationalen Tätigkeiten mit Steuerverwaltungen konfrontiert, die auf (fast) real time data bestünden. „Wir kommen aus der Digitalisierungsnummer nicht heraus.“ Seine Zentralabteilung Steuern und Zölle habe früher „Daten über den Zaun geworfen“, heute erfordert die schnellere Datenlieferung eine „kommunikative Augenhöhe“ mit anderen Unternehmensabteilungen und externen Beteiligten.

Mit 10 Mrd. Euro Vorsteuer und 20 Mrd Euro Umsatzsteuer, sei dieses Thema inzwischen das risikobehafteste Feld. Und er neckte das Publikum: Eine Rechnung für ein Firmenevent mitsamt Bewirtung und Schulung könnte wahrscheinlich 90 Prozent der Zuhörer nicht aus dem Stehgreif richtig erstellen, „aber von der Sekretärin wird das erwartet“. Und: „Begehen Sie nicht den Fehler anzunehmen, nur Steuerberater verstünden etwas vom Steuerrecht,“ auch Juristen und IT-ler könnten das zuweilen.

In der anschließenden Diskussion wurde er nach den Vorteilen der Digitalisierung gefragt: Früher habe die Steuerabteilung das Rechnungswesen mit manuellen Kontrollen gequält. Heute kann er mit seiner Steuerabteilung den Kollegen helfen, Zollvergünstigungen gezielt zu nutzen.

Einen Zuhörer hielt es nicht auf seinem Sitz: Die Unternehmen investierten und bauten Systeme auf. Doch bei einer Betriebsprüfung werde ein anderes Schema angefordert. Das sei im Grunde eine Beweislastumkehr. Die Unternehmen müssten nun „ihre eigenen Daten dem Finanzamt rückwärts erklären“ und jede Amortisation, jede Effizienzsteigerung der Systemeinführung rücke damit in weite Ferne. Er forderte von der Finanzverwaltung mehr Verständnis und IT-Know-how.

Durch den zweiten Teil Digitax leitete Prof. Dr. Deborah Schanz (Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre – LMU München) und sie regte eine Begriffserweiterung an. Bei „Digitalwirtschaft“, dächten die meisten Menschen an Internetgiganten wie Google oder Facebook, aber die Digitalisierung erfasse eben die gesamte Wirtschaft – auch die Branchen, in denen raucht, stinkt und qualmt.

Wie bestellt präsentierte RAin StBin Sabine Gronbach (Global Head of Tax, Voith GmbH & Co. KgaA, Heidenheim) dann ein Bild einer Kaplan-Turbine. Ein solches Modell hat ihr Voith-Mischkonzern schon 1904 in den Niagara-Fällen eingebaut. Gewartet würde die Turbine heute allerdings online. Die Voith Group ist in mehr als 100 Ländern ansässig, Tendenz steigend. Allein durch Quellensteuernachweise sieht sich Voith mit eine Doppel- und Mehrfachbesteuerung konfrontiert. Die Diskussionen um Digitalsteuern sieht Gronbach mit Unbehagen. „Länder ohne Zugriffsrechte [auf Steuersubstrat] werden darauf anspringen.“ Das Ergebnis für Voith: Risiko ohne Mehrwert.

Mit RA StB Christoph Welter (Stuttgart), Dr. Wendelin Staats (Leiter Referat Intern. Unternehmensbesteuerung, BMF, Berlin) und reger Beteiligung aus dem Publikum an der Diskussion „Die Besteuerung der digitalen Wirtschaft – was kommt und wer ist betroffen?“ ging das erste Digitax-Event zu Ende.

Wer im kommenden Jahr nur an dem DigiTax-Segment – und nicht an der gesamten Münchner Steuerfachtagung – teilnehmen möchte, kann dafür übrigens ein vergünstigtes Ticket kaufen. Und bis zur Steuerfachtagung im kommenden Jahr soll auch feststehen, ob das Veranstaltungssegment nun „Didschitäggs“ oder „Diggitacks“ ausgesprochen werden soll.