• 4. Mai 2019

Steuerberater als Outsourcing-Partner des Mittelstands – Robert Mayr und Nicolas Hofmann im Interview

Steuerberater als Outsourcing-Partner des Mittelstands – Robert Mayr und Nicolas Hofmann im Interview

Steuerberater als Outsourcing-Partner des Mittelstands – Robert Mayr und Nicolas Hofmann im Interview 1024 592 Steuerköpfe

Dr. Robert Mayr (Datev Vorstandsvorsitzender) und Nicolas Hofmann (Aufsichtsratsvorsitzender) über digitale Prozesse und Wanderungsbewegungen, Vorbehaltsaufgaben und Ausbildungslücken, die Verlängerung der Wertschöpfungskette und den Turbolader unter der Kanzleihaube.

Das Dreieck aus Gesetzen, Vorbehaltsaufgaben und Software war bisher ein sehr auskömmliches Biotop für die Steuerberater. Welche Seiten dieses Dreiecks ändern sich denn derzeit?

Robert Mayr (RM): Zwei Seiten dieses Dreiecks waren in der Vergangenheit schon immer in Bewegung: Gesetze und Vorschriften sowie die Technologie. Als Steuerberater sind wir die gesetzliche Weiterentwicklung gewohnt, das ist unser täglich Brot. Den technologischen Wandel hat der Berufsstand auch mit Hilfe der Datev stets gemeistert. Neu und bedenklich ist, dass die EU die Vorbehaltsaufgaben zur Diskussion stellt. Stichwort Vertragsverletzungsverfahren und Deregulierung.

Selbstverständlich brauchen wir in Europa einen gewissen Gleichklang. Gleichzeitig ist aber auch anzuerkennen, dass die Vorbehaltsaufgaben ein hohes Qualitätsniveau sicherstellen und letztlich ein Erfolgsfaktor für Deutschland sind. Wenn Sie sich anschauen, wer in den vergangenen Jahrzehnten den deutschen Mittelstand – das sind immerhin rund 95 Prozent aller Unternehmen – mit erfolgreich gemacht hat, dann war das – in aller Bescheidenheit – zu einem großen Teil der steuerberatende Berufsstand. Mit einer fundierten Ausbildung, einem hohen Sachverstand und größtmöglicher Zuverlässigkeit. So sichert er mit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund halte ich die Vorbehaltsaufgaben auch weiterhin für dringend geboten. Die Datev ist daher ein absoluter Verfechter der Vorbehaltsaufgaben – ganz im Schulterschluss mit den Kammern und Verbänden.

Ich sehe da ein bisschen mehr krümeln: Auch beim Thema Software ändert sich etwas. Früher hat die Datev eine Rundumversorgung betrieben, heute gibt es … zumindest neue Anbieter.

Nikolas Hofmann (NH): Ja zum Glück! Selbst als Aufsichtsratsvorsitzender der Datev kann ich das so sagen. Denn was wir jetzt endlich erleben, sind durchgehend digitale Prozesse bei den Mandanten. Ich sehe es zum Beispiel bei meinen Handwerks-Mandanten: Die kaufen sich eine Branchensoftware und inzwischen kann diese mehr als Branchenspezifika, nämlich das Kaufmännische. Und sie bringt auch eine Schnittstelle mit. Wunderbar! Da können wir ansetzen und der Handwerker muss sich keine zusätzliche kaufmännische Software anschaffen. Er nutzt seine Software für Angebotserstellung, Lieferscheine, Rechnungsstellung, Zeiterfassung, Dokumentenablage und so weiter. Und wir müssen nur noch zusehen, dass wir die Daten in die Kanzlei bekommen. Jeder Handwerker kann sich so sein ideales, digitales Umfeld schaffen.

Die Rolle der Datev hat sich da gewandelt. Mit der Strategie, ein Ökosystem aufzubauen, in dem die verschiedenen Partner ihre Kompetenzen wie Puzzlesteine zu einem größeren Ganzen zum Wohle des Kunden verbinden und medienbruchfreie Prozessketten über alle betriebswirtschaftlichen, kaufmännischen und deklaratorischen Systeme hinweg schaffen.

Die Datev hat hier schon große Anstrengungen unternommen, um digitale Schnittstellen zu den Vorsystemen zu etablieren. Deswegen ist es auch völlig in Ordnung, dass es weitere Anbieter gibt.

Sie sehen das eher als einen Vorteil, als Vernetzung?

NH: Ja, weil es einen durchgängigen Prozess gibt. Dass das auch ein Wettbewerb ist, steht außer Frage. Aber Wettbewerb hat ja noch niemanden geschadet – das ist ja auch die Argumentation der EU.

RM: Vielleicht nochmal aus strategischer Datev-Sicht: Wir sind kein Player bei branchenspezifischen ERP-Lösungen. Das wollen und können wir auf Dauer auch gar nicht bewerkstelligen – bei derzeit 250 Produkten. Wir müssen die Spezialanbieter im Auge behalten und dort noch mehr Schnittstellen aufbauen. Inzwischen haben wir fast 180 Anbieter auf dem Datev-Marktplatz. Das ist ein Paradigmenwechsel. Weg vom reinen Konkurrenzgedanken hin zu mehr Balance dank Schnittstellenpartnerschaften.

Reichen denn die Leistungen einer Feld-, Wald- und Wiesenkanzlei zukünftig aus, um Mandanten anzuziehen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

NH: Ich habe so eine „normale“ Kanzlei. Ich arbeite auf dem Land und habe vom Maschinenbauer über den Handwerker bis zum Gastronomen jede Art Mandant. Und ich merke, dass Bewegung in den Berufsstand kommt. Die Mandanten erkennen, wenn sie digitale Leistungen nachfragen, ob der Berater darauf vorbereitet ist oder nicht. Ich erlebe derzeit viele Anfragen von Mandanten, deren aktueller Berater diesen Wünschen nicht nachkommt. Es überrascht mich schon, dass diese Kollegen sich dieser Herausforderung nicht stellen und auch die sich daraus ergebenden Chancen nicht nutzen.

Wer sich schnell digitalisiert, kann sicher diesen Vorsprung nutzen. Aber in Zukunft kommen die anderen halt nach oder sind nicht mehr am Markt – und wir haben wieder die vollkommende Vergleichbarkeit der Kanzleien wie sie heute auch zu beobachten ist. Nochmal: Muss sich die Nutzenargumentation der Berater ändern?

NH: Die Leistungen der Kanzleien werden künftig andere sein „müssen“ als heute. Der steuerliche Teil der Dienstleistung wird zurückgehen, der unternehmensberatende Teil wird steigen. Wir sprechen seit Jahren über betriebswirtschaftliche Beratung und sicher nicht alle Kanzleien schöpfen dieses Potenzial bislang aus.

Der Berater von morgen ist in meinen Augen ein Unternehmensberater, ein Prozessberater, ein Coach, der Mandaten betriebswirtschaftlich und rechtlich in allen Lebenslagen zur Seite steht – und eben auch Steuern macht.

Das sage ich jetzt als Berufsträger mit schon ein paar Jahren Erfahrung: Weder in der Steuerberaterausbildung, noch später werden diese Skills systematisch gelehrt oder gefördert. Deshalb diskutiert der Berufsstand über eine Veränderung des StB-Examens, zum Beispiel über die Integration der Betriebswirtschaft. Seit Jahrzehnten gehen die Berater aber mit einem Steuerexamen an den Start – mit der steigenden Anforderung als unternehmerischer Coach des Mandanten. Wer aber kleinste Unternehmen betreut, die sich nur einen Berater leisten können, dann muss man breiter aufgestellt sein. Und der Berufsstand muss sicherstellen, dass für die zusätzlich benötigten Fähigkeiten wie etwa Menschenführung und Marketing bereits in der Ausbildung intensiv die Grundlagen gelegt werden.

Wie wollen Sie diese neuen Leistungen denn bepreisen und vermarkten?

NH: Das diskutieren wir in meiner Kanzlei gerade sehr intensiv. Eine Befragung unserer Mandanten hat jüngst gezeigt, dass Dienstleistungspakete gar nicht so attraktiv sind wie wir dachten. Und ist eine tagesaktuelle Buchführung anders zu bepreisen als eine monatliche? Wir holen uns viel Input zu diesem Thema, aber eine endgültige Linie haben wir noch nicht gefunden.

Der Mitarbeitereinsatz beim Mandanten hingegen ist völlig problemlos zeitlich abrechenbar, zum Beispiel bei IT-Einrichtung oder Schulung zum Thema Unternehmen online. Das kennen die Mandanten schon von ihren IT-Partnern so. Und sicher scheint: Mit der heutigen Vergütungsverordnung werden künftige Honorarrechnungen nur noch wenig zu tun haben.

RM: Ich möchte an dieser Stelle gerne den Blick noch um zwei weitere Kernbereiche erweitern: Neben der kaufmännischen Beratung wird ein wichtiger Dienstleistungsaspekt in den Kanzleien die Compliance-Beratung sein, also Beratung zur Ordnungsmäßigkeit von Prozessen. Auch in der digitalen Zukunft bleiben. In jedem Fall die Kanzleien die verantwortliche Instanz zum Beispiel für die Finanzbuchführung und deren Ordnungsmäßigkeit gegenüber den Steuerbehörden und anderen Stakeholdern.

Und, meiner Meinung nach, wird die Rolle der steuerlichen Berater insgesamt noch wichtiger: Deutschland ist beim Thema Digitalisierung nicht gerade ganz vorne mit dabei – um es höflich zu formulieren. Da ist es aus Gründen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit fast schon geboten, dass der Berufsstand das Thema Digitalisierung mit vorantreibt.

Gerade im Mittelstand gilt es, diesen Rückstand aufzuholen und hier besteht massiver Beratungsbedarf. Und wer könnte diesen im Rahmen seines Beratungsspektrums besser decken als der Steuerberater? Seine exponierte Stellung als meist langjähriger, vertrauensvoller Partner ist die optimale Voraussetzung, auch in Sachen Digitalisierung, die Funktion eines Coachs zu übernehmen. Und mit der verstärkten Möglichkeit zur Auswertung von Daten und der Veredelung von Informationen, die zum Beispiel über seine eigene Genossenschaft nur dem Berufsstand zugänglich sind, wird es eine Menge daraus ableitbare und für den Mandanten nutzbringende Beratungsleistungen gehen.

Hm, wenn ich das mit EU-Ohren höre, dann weiß ich noch weniger, warum ich die Eigenart deutscher Steuerberater weiter schützen soll. Müssten Sie der EU nicht sogar dankbar sein, dass sie Zunder macht?

NH: Wir haben zwei Bereiche, zum einen die Qualität und zum anderen die Compliance. Selbst bei einem hohen Automatisierungsgrad wird es immer Prozessschritte geben, die von Menschen konzipiert und eingerichtet, analysiert, verbessert und gemonitort werden müssen.

Und diese Qualität erleichtert – Stichwort Compliance – auch dem Finanzamt die Arbeit. In Japan beispielsweise rechnet das dortige Finanzministerium dem Steuerpflichtigen eine steuerliche Beratung durch Berufsträger als positiven Compliance-Faktor an. Das ist der richtige Weg.

Die EU muss sich fragen lassen, ob sie beim Schleifen von vermeintlichen Markteintrittsbarrieren nicht im Endeffekt die Qualität abschleift – zum Nachteil aller.

RM: Es ist wie bei der Abschaffung des Meister-Prinzips im Handwerk: Mehr Marktteilnehmer, weniger Qualität. Diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen. Falls der Qualitätsfilter Vorbehaltsaufgaben wirklich nicht mehr da wäre, bin ich schon gespannt auf die Reaktion der Finanzverwaltung, wenn dann plötzlich eine ganz andere Qualität an Unterlagen und Abschlüssen auf die Finanzämter einprasselt. Das Steuerberaterexamen ist für mich ein außergewöhnliches Qualitätssiegel und das überhaupt in Frage zu stellen, halte ich für sehr gefährlich.

Dann kommen wir mal Richtung Automatisierung: Wenn sie einmal eingerichtet ist und läuft, dann ist das sicher eine tolle Arbeitserleichterung. Aber macht sie mir vielleicht auch das Tor zu einer Honorardiskussion auf, wenn es keinen nennenswerten Unterschied im Aufwand gibt, ob ich zehn oder zehntausend Belege verbuche?

RM: Ich kenne diese Argumente, aber ich sehe genau das Gegenteil auf uns zukommen. Wir entlasten mit der Fibu-Automatisierung zukünftig die Kanzleien bei repetitiven, manuellen Tätigkeiten. Das ermöglicht eine völlig neue Qualität der Dienstleistung.

Von den durch die medienbruchfreie Digitalisierung und die Vernetzung entstehenden neuen Möglichkeiten für datenbasierte Beratungsleistungen habe ich bereits gesprochen. Mit dem Pendelordner habe ich als Unternehmer vielleicht eine oder zwei Wochen nach Monatsabschluss Informationen erhalten, ohne noch irgendwie eingreifen zu können. Wenn ich aber Fibu-Automatisierung nutze, die auf einer kollaborativen Plattform wie Datev Unternehmen online basiert, dann befinde ich mich als Steuerberater direkt im schlagenden Herzen des Unternehmens. Ich kann dem Unternehmer taggenau sagen, was mit seinen Finanzen ist. Ich kann hochwertigere, veredelte Dienstleistungen anbieten. Da ist eher ein Qualitätsaufschlag auf die Rechnung möglich, aber keine Reduktion.

Selbstverständlich ist neben dem Preisgerüst auch das Mengengerüst ein Thema. Wenn eine Kanzlei Fibu-Automatisierung einsetzt, kann sie zu ganz anderen Grenzkosten ihre Leistung erbringen, mehr Fibu-Aufträge in kürzerer Zeit erledigen. Das bringt den Kanzleien Erleichterungen und Freiräume.

Und im Übrigen ist unser „Fibu-Automat“ natürlich ein Vorbehalts-Produkt. Das schieben wir als Turbolader unter die Kanzleihaube. Die Möglichkeit dieses Produkt zu beziehen haben ausschließlich unsere Mitglieder.

NH: Wenn der Mandant durch Kooperation meinen Aufwand im administrativen Bereich senkt, dann ist das doch eine Win-Win-Situation: Der Unternehmer hat präzisere Informationen und ich habe einen niedrigeren Aufwand.

Die Kanzleien sind doch randvoll mit Arbeit. Sie finden kaum noch Mitarbeiter. Ich bin für jede Minute dankbar, die meine Mitarbeiter eine Aufgabe früher abschließen und eine neue beginnen können. Die Überwindung der Wachstumsgrenzen liegt doch beinahe allein in einer Effizienzsteigerung der Mitarbeiter. Und wenn es dazu über die Fibu-Automatisierung die Möglichkeit gibt, dann bin ich doch froh darüber.

Wir hatten eine ganz ähnliche Diskussion damals, als wir die Unterschriften der Mandanten für die Lerndateien der RZ-Bankinfo einholen mussten. Wenn wir die Bankinfos maschinell bekommen, müsste doch unser Honorar sinken, lautete damals die Argumentation. Und die Gegenargumentation lautete: Es geht zunächst einmal um eine Qualitätssteigerung. Tippfehler und übersehene Bewegungen werden ausgeschlossen. Ob es zusätzlich auch effizienter wird, wird man sehen müssen. Inzwischen machen die guten Kanzleien einen Durchsatz von 95 Prozent mit dieser Technologie und da diskutiert keiner mehr über den Preis.

Welchen Nutzen sollen die StB in dieser anstehenden Diskussion denn herausstellen?

NH: Das sage ich auch wieder aus meiner eigenen Kanzleierfahrung: In all meinen Gesprächen mit Mandanten bestätigt sich immer wieder die Vertrauensstellung des Steuerberaters. Und von Kollegen höre ich dasselbe. Die Mandanten sind bei einem Berater, weil sie einfach wissen, dass sie ihn jederzeit um Rat fragen können. Und jetzt vielleicht noch mehr, weil mit der Digitalisierung ein Thema auf die Agenda kommt, auf das der Mandant zumindest im kaufmännisch-administrativen Bereich nicht vorbereitet ist. Und der Steuerberater kann sagen: Dieses Coaching übernehme ich mit meinen Mitarbeitern.

Die Kanzleien sind – wie Sie vorhin sagten –, alle randvoll mit Arbeit. Können Sie sich vorstellen, dass diese Luxussituation auch mal kippt?

NH: Auch wieder aus der täglichen Praxis, ja! Schauen Sie sich die Konjunkturprognosen an. Die werden derzeit nach unten korrigiert. Und wenn es für die Mandanten konjunkturell nach unten geht, kommt möglicherweise auch eine Diskussion um Leistungen und Preise. Wenn sich die Handwerker am Stammtisch treffen und einer sagt: „Ich arbeite auf einer Plattform mit meinem Steuerberater zusammen, bei mir haben sich entweder Leistungszuwächse oder eine höhere Effizienz ergeben.“ Dann hört der andere doch zu!

RM: Sicherlich ist angesichts unserer hervorragenden wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland der Handlungsdruck für die Kanzleien noch nicht stark zu spüren. Nichts desto trotz gibt es ihn bereits und wir haben ein solches Szenario rund um unsere Satzungsänderung im vergangenen Jahr auch ausführlich mit unseren Mitgliedern diskutiert: Es gibt einen klaren Trend hin zur Plattformökonomie, die den Kontakt zum Kunden an sich zieht und eine nachwachsende Generation, die erst das Internet befragt, statt sich selbst einen Spezialisten zu suchen und ihn anzurufen. Hier kann sich in Zukunft auch durch Branchenfremde einiges tun und deshalb entwickeln wir selbst unsere eigenen, genossenschaftlichen Plattform-Angebote, um gemeinsam für unsere Mitglieder eine bessere Sichtbarkeit bei den Digital Natives zu schaffen – und so natürlich für den „Nachschub“ an noch nicht beratenen Mandanten.

Formulieren wir es doch positiv: Welche Steuerberater sind denn am besten für die Zukunft gerüstet? Was ist jetzt die Pflicht der Stunde?

NH: Wenn ich hier als hauptberuflicher Steuerberater das Wort ergreifen darf: Zum Ersten müssen Sie wie in der Vergangenheit die Grundpflicht erfüllen und zuhören können. Und sie müssen einen vertrauensvollen Umgang mit ihren Mandanten pflegen. Zum Zweiten müssen sie ein Prozessdenken in die Mandantenunternehmen hinein implementieren. Ich glaube, da muss man sich mittlerweile deutlich anders aufstellen. Das gilt nicht nur für Berater, sondern auch für die Mitarbeiter, die entsprechend geschult werden müssen.

Ich habe da viel von einer Mitarbeiterin gelernt, die zuvor Leiterin Rechnungswesen in der Industrie war. Wenn dort eine neue Maschine angeschafft wurde, dann hat sie sich die in der Produktionshalle angeschaut. Einfach, damit sie besser versteht, was sie da buchhalterisch beurteilt. Und so machen wir das in der Kanzlei jetzt auch. Unsere Mitarbeiter sind vierteljährlich bei den Mandanten im Betrieb.

RM: Aus unserer genossenschaftlichen Erfahrung würde ich es mal so zusammenfassen: Wenn eine Kanzlei neben ihrer ausgezeichneten fachlichen Qualifikation technisch am Ball bleibt, nach Möglichkeit Routinetätigkeiten automatisiert, ihr Personal weiterbildet und sich über intelligente Lösungen mit ihren Mandanten und ggf. auch untereinander vernetzt, um reibungslose arbeitsteilige Prozesse und einen schnellen bidirektionalen Datenfluss zu etablieren, ist sie definitiv gut aufgestellt und sicher fit für die Zukunft. Darauf aufbauend kennen Sie meine generelle Erwartung des „goldenen Zeitalters“ für den Steuerberater ja bereits…

Mein Eindruck ist, dass hauptsächlich die Unternehmen den Vorteil der Digitalisierung erkennen und realisieren wollen …

NH: Dem muss ich aus der Praxis heraus widersprechen. Es ist vielleicht einer von zehn Mandanten, der von sich aus sagt: „Digitalisierung ist für mich ein Thema.“ Es gibt aber neun Mandanten zu denen sie als Steuerberater sagen: „Wir müssen deine Unternehmensprozesse digitalisieren. Du arbeitest zu umständlich, du arbeitest vielleicht nicht effektiv, du lässt vielleicht Möglichkeiten liegen – obwohl du fachlich gut arbeitest.“

Unternehmen, die die Digitalisierung als Chance begreifen, das sind zumeist die prüfungspflichtigen und aufwärts. Alle darunter brauchen jemand, der sie berät. Und das sind wir. Das kann nur der Berufsstand sein, weil nur der Steuerberater überhaupt in der Lage ist, als Externer in die Prozesse der Unternehmen hineinzugreifen.

RM: Wie in allen Branchen, so ist es auch bei den steuerberatenden Berufen: Es gibt Vorreiter-Kanzleien bei der Digitalisierung und es gibt Kanzleien, die sind noch nicht so weit. Ich trete immer wieder dafür ein, die ersten Schritte einfach zu gehen! Es muss nicht gleich der große Wurf sein, aber mehrere kleine Schritte führen auch in die richtige Richtung. Sei es der Einsatz von RZ-Bankinfo oder – und das ist derzeit mein großes Steckenpferd – der Einsatz von Datev Unternehmen online, über das die Kanzlei in Echtzeit ganz eng mit dem Mandanten zusammenarbeitet. Ich sehe es als Aufgabe unserer Genossenschaft, den Mitgliedern Brücken zu bauen und sie und ihre Mandanten in das digitale Zeitalter zu migrieren.

Gibt es einen Nutzen der Digitalisierung, wo die Steuerberater doch ein bisschen auf dem Schlauch stehen und sagen „Ach, lieber erstmal nicht“. Was übersehen die?

NH: Ich würde nicht sagen, dass Steuerberater auf Grund ihrer Verantwortung, die sie haben, auf dem Schlauch stehen können! Wenn sie abwartend wären, dann würden sie die Zukunft übersehen. Vielleicht leben solche Kanzleien mit vollen Auftragsbüchern. Aber was ist, wenn der konjunkturelle Knick kommt? Oder was passiert, wenn der Gesetzgeber eingreift und vom Berufsstand digitales Handeln einfordert?

Die Vergangenheit zeigt, dass Veränderung immer dann funktioniert, wenn der politische Druck kommt. E-Bilanz? Funktioniert! Es hat zwei Jahre gedauert, aber jetzt läuft das Verfahren gut. Oder schauen Sie nach Italien. Dort sind elektronische Rechnungen Pflicht. Wenn das in Deutschland kommt, müssen sich die Kollegen damit beschäftigen. Vorher wird es viele geben, die sich nicht darum kümmern, weil sie keine Notwendigkeit sehen.

RM: Wenn es am Stammtisch heißt „Mein Steuerberater bietet mir ganz andere Möglichkeiten. Der hat mir ein sehr, sehr breites Portfolio angeboten – vom Pendelordner bis zur voll digitalen Lösung. Ich kann von analog nach digital migrieren und flexibel reagieren und meine Effizienz erhöhen“, dann ist das eine Win-Win-Situation. Ich möchte das altbekannte Sprichwort etwas anpassen: Nicht „spare“, sondern: „transformiere in der Zeit, dann hast Du in der Not“.

NH: Dazu kommt ein weiterer Aspekt aus meinem Alltag: Ich habe jahrelang kein Personal finden können. Seit etwa einem halben Jahr bekomme ich auf einmal Initiativbewerbungen – von Mitarbeitern aus anderen Kanzleien, die deutlich jünger sind als ihr Chef und der vielleicht noch nicht so digital-affin ist.

In einer digital arbeitenden Kanzlei können sie den Mitarbeitern aber Vorteile anbieten, die in vordigitalen Zeiten nicht denkbar waren: Urlaub kurz vor oder über die Stichtage zum Beispiel. Die Belege kommen nicht mehr auf Schlag, sondern kontinuierlich. Das erlaubt ein entzerrtes Arbeiten.

Verlagert sich die Wertschöpfung bei der digitalen Zusammenarbeit aus den Kanzleien hinaus?

RM: Ich glaube, dass man von einer Verlängerung der Wertschöpfungskette sprechen kann. Wenn man es plakativ mit den Pendelordner-Zeiten vergleichen will, dann entsteht die Wertschöpfung dort, wo die Fibu entsteht, also in der Kanzlei, wo alle Belege verarbeitet werden. Das ist zukünftig weitgehend automatisierbar und durch IT-Einsatz rationeller abzuwickeln.

Was nutzt dem Unternehmer eine Information über seine Liquidität, wenn er sie 14 Tage nach dem Monatsabschluss bekommt? Aber wenn der Steuerberater jetzt in den Prozessen simultan dabei ist, wird sich die Frage der Wertschöpfung ganz neu definieren.

Ich habe das ja schon häufig gesagt: Der Steuerberater wird der Outsourcing-Partner des Mittelstandes und wenn er es schon ist, dann wird er es in Zukunft noch stärker. Einfach weil der Berater jetzt in der Lage ist, alle kaufmännischen Prozesse des Mandanten in Echtzeit zu überwachen und zu begleiten. In der Vergangenheit war das technisch nicht machbar. Da findet gerade ein Paradigmenwechsel statt, auf dem die Berater ein ganz neues Dienstleistungsportfolio aufbauen können.

Wer soll denn die ganzen Umstellungsarbeiten bei den Mandanten leisten? Die Steuerberater oder die Kanzleikräfte?

RM: Beide. Da gibt es kein entweder oder. Die Datev ist die Daten-Drehscheibe, die Berater sind die Ausbildungs- und Coaching-Drehscheibe. Die Berater müssen die Mitarbeiter dazu befähigen, dann ist das auch skalierbar.

NH: Aus der Perspektive des Berufsträgers gilt: Sie müssen das Vertrauen haben, die Mitarbeiter mit der Umsetzung beim Mandanten zu betrauen. Berater und Mandant legen die strategische Richtung fest. Die Mitarbeiter kümmern sich um die operativen Fragen. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Aber wenn dann eine Mitarbeiterin vom Besuch beim Maschinenbauer wiederkommt und berichtet, dass sie die Datenübernahme von der neuen Zeiterfassung des Mandanten in den Lohn organisiert hat – dann hat sich jede Mühe tausendfach ausgezahlt. Ein besseres Mandantenbindungspotenzial gibt es nicht.

Jetzt kommt natürlich die obligatorische Frage nach neuen Produkten und Services der Datev …

RM: Steuern online, Steuerbürger-Plattform, Anbahnungsplattform – das sind Neuerungen, die die strategische Ausrichtung auf die Cloud verdeutlichen und auch medial stark wahrgenommen und diskutiert wurden. Weniger auffällig, aber nicht weniger wichtig sind die Anstrengungen der Datev bei der Anbindung von Vorsystemen: Kassenarchiv, die Gewinnung von Kassenherstellern als Kooperationspartner, Zahlungsdatenservice für Paypal, Fakturierungslösungen wie zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Würth – all das sind Fortschritte für medienbruchfreies Arbeiten. Das sind enorme Prozessbeschleuniger.

Unser Partnerkonzept mit dem Datev-Marktplatz hatte ich bereits angesprochen. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass es zukünftig weniger um die Frage geht, wer in einem Teilbereich die beste Software bietet, sondern darum, wer über die Datenströme verfügt und diese steuert. Das war auch ein Grund für das Steuerbürger-Szenario. Es geht uns mit der Strategie Datev 2025 nicht nur um Vernetzung und Automatisierung, sondern auch darum, den Mitgliedern die Möglichkeiten von Big Data zu eröffnen, aus den gewonnenen Daten einen Mehrwert zu generieren. Das war früher so nicht möglich.

NH: Aus Sicht des Praktikers möchte ich noch ergänzen, dass wir natürlich auch die Effizienz der Datev werden steigern müssen. Stichwort: Entwicklungszeiten. Da wird das Rad nicht langsamer werden und wir müssen uns dem Wettbewerb stellen.

Aber: Das letzte Rädchen, die letzte Schnittstelle ist die zur Finanzverwaltung. Die Belegvorhaltepflicht nervt die Kanzleien heute. Mit einer Verknüpfung zum Beleg ist aber laut Elster-Verantwortlichen nicht vor 2022 zu rechnen. Wir als Berufsstand können mit unseren Vorsystemen und mit unseren eigenen Systemen so schnell sein wie wir wollen. Wenn wir die Daten nicht bei der Finanzverwaltung „einspielen“ können, dann bringt uns das gar nichts. Der Flaschenhals ist zurzeit die Finanzverwaltung.

Ein Berater klagte, dass die Datev viel Ressourcen in eine Automatisierung stecke – die ihm Zeit verschaffe –, aber gleichzeitig Beratungsprodukte abkündigt, die doch angeblich die Zukunft seien.

RM: Da schlagen die zwei Herzen Wirtschaftlichkeit und strategische Ausrichtung in meiner Brust. Wenn ein Programm schlicht von zu wenigen genutzt wird, können wir nicht der restlichen Genossenschaft die Finanzierung aufbürden. In jedem Fall kann ich in Aussicht stellen: Unser Angebot zur betriebswirtschaftlichen Beratung wird signifikant ausgebaut. Wir verfolgen mit Datev 2025 eine Gesamtstrategie, die genau das vorsieht. Es wird ein Mehr an Beratungsprodukten geben – und das ist die Erwartungshaltung unseres Aufsichtsrats –, die einer breiteren Basis unserer Mitgliedschaft dienlich sind.

NH: Nach meinem Empfinden leisten wir uns eher noch zu viele Nischenprodukte. Da ist der Langmut des Vorstands vielleicht manchmal sogar höher als der des Aufsichtsrats.